Sentimentanalyse

Sentimentanalyse – Stimmungsthermometer an der Börse

Schwitzige Hände, der ständige Blick auf die Uhr – wann ist es denn endlich soweit bzw. wann ist es wieder vorbei – und das mulmige Gefühl im Magen. Dies sind Zeichen für Angst und Nervosität bei uns Menschen. Auf der anderen Seite verleitet uns die Gier nochmal einen vollen Teller vom Buffet zu holen oder den großen Reichtum anzustreben. Wie wäre es, wenn wir ein entsprechendes Gefühlsthermometer auch für den Aktien- und Finanzmarkt hätten und somit Angst und Gier erkennbar machen könnten?

Diesen Anspruch versucht die Sentimentanalyse zu erheben. Denn diese versucht mithilfe verschiedener Analysemethoden und Indikatoren die Stimmung des Marktes (= Summe aller dort beteiligten Anlegern) zu erfassen, in einen von uns lesbaren Wert darzustellen und uns eine möglichst fundierte Vorhersage über den weiteren Verlauf des Kurses zu liefern. Insbesondere setzt die Bewertung dieser Daten auf die Grundzüge der Verhaltensökonomie (engl. Behavioral Finance), dem menschlichen Verhalten in wirtschaftlichen Situationen.

Nutzt man die Sentimentanalyse um den zukünftigen Trend, ob bullisch oder bärisch, zu bestimmen, muss man die Stimmung konträr deuten. Das bedeutet, dass bei übertriebenen Optimismus, irgendwann eine Korrektur erwartet wird. Und bei starker negativen Stimmen, der Kurs wieder nach oben gehen soll.

Meiner Meinung nach sollte man die Sentimentindikatoren nutzen, um zu einem allgemeinen Stimmungsbild zu gelangen. Dennoch sind sie mit hoher Vorsicht zu genießen bezüglich ihrer Vorhersagbarkeit der Zukunft. Des Weitern sollte man sich nicht auf einen Indikator alleine stützen, sondern mehrere gleichzeitig auswerten und beurteilen.

Fear & Greed Index

Übersicht Fear & Greed Index
Übersicht Fear & Greed Index

Einer der bekanntesten Sentimentindikatoren ist der vom amerikanischen Fernsehsender CNN veröffentlichte Fear & Greed Index. Ich persönlich schaue mir diesen immer mal wieder an, da er mehrere Kennzahlen auswertet und diese in einem sehr leicht verständlichen Ergebnis zusammenfasst. Anhand sieben verschiedener Kennzahlen bestimmt dieser, ob die Marktteilnehmer gerade besonders ängstlich (Extreme Fear), neutral oder höchst gierig (Extreme Greed) gestimmt sind:

 

Put / Call Ratio

Mithilfe dem Verhältnis aus Put- und Call-Optionen lässt sich herausfinden, ob die Anleger eher bärisch (short) oder bullisch (long) eingestellt sind. Desto mehr Put-Optionen zur Absicherung nach unten gekauft werden, desto größer ist die Tendenz der Marktteilnehmer, dass die Kurse sich nach unten bewegen werden. Wenn sich hingegen Call-Optionen höherer Beliebtheit erfreuen ist die Erwartung tendenziell bullisch, das heißt, man vermutet steigende Kurse.

In meinen Augen einer der interessantesten und aussagekräftigsten Indikatoren im Fear & Greed Index, den man jederzeit auch für sich alleine betrachten kann.

Put / Call Ratio
Put / Call Ratio

 

Market Momentum

Hierbei wird bestimmt, wie weit der Kurs des S&P 500 vom 125-Tages-Durchschnitt entfernt ist. Von der Chartanalyse kennt man diese Information von den gleitenden Durchschnitten. Der Fear & Greed Index schaut sich dann diesen Abstand zum selben Zeitpunkt von den letzten beiden Jahren an und bildet hierbei einen durchschnittlichen Abstand. Wird dieser Durchschnitt nun übertroffen, dann wird davon ausgegangen, dass mehr Investoren investiert sind bzw. investieren als gewohnt und diese dadurch eher gieriger eingestuft werden können.

Market Momentum
Market Momentum

 

Stock Price Strength

Mittels dem Stock Price Strength – Wert wird gemessen, wie viele neue 52 Wochen Hochs und Tiefs an der NYSE generiert wurden. Insbesondere das Verhältnis zwischen diesen neuen Jahreshochs und –tiefs ist entscheidend für die Bestimmung der dahinterliegenden Stimmung. Wurden deutlich mehr neue Hochs, als Tiefs erreicht, gibt der Markt eine euphorischere Grundstimmung wieder. Umso mehr neue 52 Wochen Tiefs erreicht werden, umso ängstlicher gelten die Anleger. Gravierend ist die Lage, wenn die Anzahl der neuen Jahrestiefs, die der Hochs deutlich übersteigt.

Stock Price Strength
Stock Price Strength

 

Market Volatility

Der VIX (Volatility Index) – veröffentlicht von der CBOE – spiegelt die Volatilität des S&P 500 wieder. Die Volatilität gibt die Schwankungsbreite unseres Underlyings (Aktien, Indizes, Rohstoffe, Währungen…) an. Ist die Volatilität gering, schwankt auch der Kurs nur sehr wenig nach Oben und nach unten. Ist sie hingegen hoch, schwankt der Kurs sehr stark. Eine hohe Volatilität zieht auch ein hohes Risiko mit sich. Somit gruseln sich die Marktteilnehmer vor einem zu hohen VIX und sind dadurch vorsichtiger unterwegs.

Für uns Optionsverkäufer ist das Umfeld hoher Volatilität hingegen von Interesse, da sich hierbei deutlich mehr Prämie erwirtschaften lässt. Persönlich betrachte ich diesen Indikator als einen der wichtigsten im Fear & Greed Index.

Safe Haven Demand
Market Volatility

 

Stock Price Breadth

Problematisch beim reinen Betrachten des Kursverlaufes eines Index ist, dass bestimmte Werte stärker gewichtet sind als andere Werte. Steigt oder fällt so ein starker Wert, beeinflusst dieser den Gesamtindex stärker, als andere Papiere. Erkennbar ist dies immer mal wieder anhand der Investmentbank Goldman Sachs, welche das am stärksten gewichtete Unternehmen im Dow Jones ist. Wenn Goldman Sachs einen guten Tag hat, ist die Chance deutlich höher für einen positiven Verlauf des Dow Jones, als wenn ein anderer Wert Kursgewinne verbuchen konnte. Ähnliches Spiel im Nasdaq mit Apple.

Dadurch kann es sein, dass ein Index positiv ist, obwohl deutlich mehr notierte Firmen Kursverluste hinnehmen mussten. Somit kann eine Deutung der Marktstimmung (bullisch oder bärisch) anhand des Kursverlaufes bzw. Charts teilweise mit Fehlern behaftet sein.

Diesem Problem wollen sogenannte Marktbreite-Indikatoren entgegen wirken. Der im Fear & Greed Index verwendete Marktbreite-Indikator McClellan Summation Index zählt die Anzahl der steigenden (engl. advancing) und fallenden (engl. declining) Wertpapiere, welche an der NYSE gehandelt werden.

Vereinfacht kann gesagt werden, wenn beispielsweise in einem Bullenmarkt, die Anzahl / Volumen der Werte mit steigenden Kursen einbrechen und eher der Minderheit angehören, ist man eher negativer gestimmt und eine mögliche Konsolidierung steht vor der Türe. Dadurch fällt der McClellan Summation Index. Euphorischer werden die Anleger, wenn die Anzahl der steigenden Werte mehr sind, als die mit negativen Kurswerten.

Safe Haven Demand
Stock Price Breadth

 

Safe Haven Demand

Hierbei wird die Performance des Aktienmarktes dem des Anleihenmarktes gegenübergestellt und verglichen, in einem Zeitrahmen von 20 Tagen. Wenn die Anleihen nun besser gefragt sind, als Aktien, dann wird angenommen, dass die Anleger nun ängstlicher sind und ihr Geld lieber in sichere Anleihen anlegen. Schießt der Aktienmarkt dagegen nach oben, dann sind die Anleger wieder euphorischer und ziehen ihr sicher geparktes Geld wieder weg von den Anleihen.

Safe Haven Demand
Safe Haven Demand

 

Junk Bond Demand

Als Junk Bond oder Schrottanleihe werden Anleihen bezeichnet, die von Emittenten schlechter Bonität herausgegeben werden. Der Junk Bond Demand – Indikator im Fear & Greed Index zeigt den Aufschlag von Junk Bonds zu den besseren / sicheren Anleihen (engl. investment grade corporate bonds), mit höherer Bonität, im historischen Vergleich auf. Möchten die Junk Bond Investoren einen höheren Aufschlag zu den sicheren Papieren, dann sind sie dem Gesamtmarkt gegenüber eher ängstlicher gestimmt und erwarten wegen des höheren Risikos eine höhere Rendite. Ist der Aufschlag für die Ramschanleihen niedrig im historischen Vergleich, dann ist die Stimmung auf dem Gesamtmarkt euphorischer und die Anleger gieriger.

Junk Bond Demand
Junk Bond Demand

 

Neben dem Fear & Greed Index gibt es noch viele weitere Sentimentanalysen, auf die ich in diesem Artikel noch nicht gesondert eingegangen bin, unter anderem dem Euwax Sentiment, Naaim und viele, viele mehr. Neben den kennzahlenorientierten Sentimentprogrammen, gibt es auch Sentimentanalysen, basierend auf Umfragen von Privatanlegern und institutionellen Investoren (zum Beispiel Sentix).

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